Liebe Leserinnen und Leser!
Wir sind in den letzten 2-3 Jahren in eine Situation geraten, in der wir uns vom Bösen umzingelt fühlen: Der Terrorismus bringt sich immer wieder ins Bewusstsein. Die Bedrohung durch die wirtschaftliche Labilität steckt uns in den Knochen. Haben wir die wirtschaftliche Krise schon überwunden, oder kommt noch ein Nachbeben? Wie wird unsere Rente aussehen? Auch die Angst vor Überfremdung und Verlust der kulturellen Identität artikuliert sich in politischen Reden und soziologischen Analysen. Werden wir Fremde im eigenen Land? Die Umweltkrise haben wir noch keineswegs im Griff. Eigeninteressen und Lobbyismus haben nach wie vor die Oberhand über dem Wohlergehen unserer Kinder und Kindeskinder. Dazu kommt die gemeindeinterne Angst, dass in den Turbulenzen von Neuerungen und Veränderungen das, was man als geistliches Zuhause in den letzten Jahren und Jahrzehnten erlebt und geschaffen habt, in die Brüche gehen könnte.
Wir haben durchaus das Gefühl, von Bösem eingekreist zu werden.
Nun erinnert uns die Jahreslosung indirekt daran, dass wir in der Gefahr stehen könnten, Böses mit Bösem zu bekämpfen: Die Angst vor dem Terror mit generellen Angstmache vor Menschen anderer Sprache, Hautfarbe und Religion; die Angst vor Überfremdung mit durchaus tätlichem Ausländerhass; die Angst vor wirtschaftlichem Abstieg durch verstärktem Wirtschaftsegoismus; die Angst vor Veränderung in unserer Gemeinde durch starre Verweigerung und gegenseitige Beschuldigungen.
Ja, es liegt nahe, das Böse mit dem Bösen zu bekämpfen. Und wer meint, er sei auf dem Kreuzzug gegen das Böse, möge darauf achten, nicht selbst böse zu werden, nicht Aggression mit Aggression, Beschimpfung mit Beschimpfung, Gewalttat mit Gewalttat, Hass mit Hass, Kränkung mit Rachefeldzügen, Unsicherheit mit Unterstellungen zu bekämpfen.
Wenn wir auf Jesus schauen, dann erkennen wir: Er mutet uns nicht zu, das Böse blauäugig zu verneinen. Nein, nicht alles ist lieb und nett und wohlwollend. Nein, nicht alles lässt sich mit Güte und ehrlichen Absichten bereinigen. Nein, auch wer die Hand freundlich ausstreckt, kann hasserfüllte Blicke ernten oder sich Schläge einhandeln. Jesus zwingt uns nicht zu einem naiven Gut-Menschentum voller Täuschungen und Ent-Täuschungen. Das Böse ist real. Es ist da.
Aber wie gesagt: Die Jahreslosung warnt eindringlich davor, das Böse mit Bösem zu bekämpfen. Gerade wenn man im Vollgefühl eigener Richtigkeit das Böse attackiert oder im Gefühl, selbst Opfer zu sein, sich wehrt, ist es eine naheliegende Gefahr, dass man eine neue Saat des Bösen ausstreut. Die schrecklichsten Untaten in der Kirchengeschichte geschahen unter dem Deckmantel, Kämpfer für die Wahrheit zu sein: die Plünderungen in der Zeit der Kreuzzüge, die Gier nach Gold, Silber und anderen Reichtümern durch die Conquistatores in Südamerika sind Beispiele. Aber auch auf die eigene Geschichte kann man verweisen: Der Aufstieg der Nazis vollzog sich im Gefühl, durch die Versailler Friedensverträge ungerecht behandelt worden zu sein und nun das Recht zu haben, sich alles zurückzuholen und den anderen die erlittene Erniedrigung heimzuzahlen.
Entscheidend aber ist das Eine: Es gibt den anderen Weg, nämlich das Böse mit dem Guten zu besiegen: Angst durch Mut; Misstrauen durch Vertrauen; Vorurteile durch Begegnung; Zukunftssorgen durch fröhliche Bescheidenheit; Zynismus durch Verständigung; böse Worte durch gute Worte; Rache durch Versachlichung; Schuld durch Vergebung. Oder in der Gemeinde: Angst vor Veränderung durch offene Gespräche, durch engagierter Suche nach gemeinsamen Wegen und Lebensräumen, die sich als schöner, weiter und vielfältiger erweisen werden als das bisher Gewohnte.
Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit dem Guten!
Paulus scheint sich gewiss zu sein, dass wir genügend Ressourcen zur Verfügung haben, um diese gottgefällige Lebensstrategie zu verfolgen. Auch im Jahr 2011 werden wir genügend Möglichkeiten haben, sie zu trainieren.
Liebe Grüße,
euer Pastor Emanuel Wieser
04.12.2010 16:37

